Von den Anfängen bis in die preußische Zeit

Frühe Nachweise, Steuerlisten und Urkataster

Von Eberhard Goeke, Essen

Älteste Nachweise der Besiedlung

Abbildung 1
Abbildung 1

Der Raum Wimbern ist schon sehr früh von Menschen bewohnt gewesen. Steinzeitliche Bodenfunde belegen das. So fand Landwirt Goeke im Jahre 1932 auf dem Acker südöstlich seines Hofes ein 11 cm langes poliertes Feuersteinbeil, das im Mendener Heimatmuseum zu sehen ist, wo weitere Funde aus Wimbern vorhanden sind. Das westfälische Museum für Archäologie in Münster besitzt ein 5,4 cm langes Amphibolitbeil, das Pater Friedrich Biermann aus Wickede (verstorben 1970) in der Wimberner Flur Nachtigall gefunden hat. Die Beile werden der Jungsteinzeit (5000 bis 2000 Jahre v. Chr.) zugeordnet.

Abbildung 2
Abbildung 2

Der erste schriftliche Nachweis über Wimbern findet sich in der kleinen Isenberger Vogteirolle (1), die vor dem Jahre 1220 entstanden ist. Abbildung 1 zeigt eine Kopie der Stelle der Pergamentrolle, auf der der Ortsname Wimbern – damals „Wingeberne“ – zu sehen ist. (Der Haken hinter dem „b“ ist ein Kürzel und muß als „er“ gelesen werden.) In der großen Isenberger Vogteirolle (um 1220) ist Wingeberne voll ausgeschrieben (siehe Abbildung 2).

Was bedeutet Wingeberne/Wimbern? Winge meint Laubweide; Berne bedeutet Quelle, Bach. Wimbern meint also eine Siedlung an einem Bach mit Laubweide (2).

Der erste schriftliche Nachweis über eine Ansiedlung am Graben (zwischen Ruhrbrücke und Hl.-Geist-Kloster) findet sich im ältesten Lehnbuch der Herren von Volmerstein, das auf 1250-1300 datiert wird (3). Dort steht geschrieben, daß der Ritter Detmar von Altena mit zwei Häusern in „Grafweghe“, gelegen in der Pfarrei Menden, belehnt ist. Es läßt sich nachweisen, daß aus „Grafweghe“ die heutige Flurbezeichnung „Am Graben“ geworden ist.
Grafweghe bedeutet Siedelstätte an einem Weg, der mit einem Grab oder Gräbern in Verbindung steht oder mit einem gegrabenen (ausgehobenen) Weg (2).

Der als Einzelhof in der Ruhraue gelegene Beringhof wird erstmalig in einer Urkunde von 1185 aufgeführt und ist damit die Siedlungsstätte auf Wimberner Gebiet, die den ältesten schriftlichen Nachweis vorweisen kann. Beringhof meint Hof der Beringe, das heißt der Leute eines Ber, Bero, Bern (von Bär) (2).

Vom 16. Jahrhundert an sind wir über die Besiedlung des Wimberner Raumes, insbesondere durch alte Steuerlisten, ziemlich gut informiert, wie später näher dargelegt wird. Was wissen wir aus der Zeit davor? Nachstehend eine Auflistung früher Zeugnisse, die auf die Besiedlung von Wimbern Bezug haben, in chronologischer Reihenfolge:

  • 1185, Urkunde: Graf Gottfried II von Arnsberg schenkt dem Kloster Scheda u.a. Fischereirechte an der Ruhr zwischen Echthauser Brücke und dem Appeldersbusch beim Beringhof (2). Anlaß dazu war der Sieg des Arnsberger Grafen über den Graf Engelbert von Berg und andere Grafen in einem Gefecht, das an der Echthauser Ruhrbrücke ausgetragen worden war (7).
  • Um 1200, Isenberger Vogteirollen: Die „kleine“, entstanden vor 1220, und die „große“, entstanden um 1220, enthalten eine (fast gleichlautende) Auflistung der Höfe, über die die Grafen von Isenberg-Altena das Vogteirecht besaßen. Insgesamt über 1.400 Höfe, darunter annähernd 900 Höfe des Stifts Essen. Dabei ist auch ein Hof in Wimbern ausgewiesen, als Unterhof des Stift-Essener Oberhofes in Dortmund-Eving. Das ist der spätere Hof Schlünder (später Gurris, Korte) zu Wimbern. Ferner ist dabei eine Höfegruppe von 10 Höfen „bei Barge“, die dem Stift-Essener Oberhof Brockhausen bei Unna (heute Unna-Königsborn) zugeordnet ist. Zu dieser Höfegruppe gehörte auch der Hof Goeke in Wimbern (1). Die große Vogteirolle ist auch historisch interessant. Diese hat der Graf Friedrich von Isenberg-Altena erstellen lassen mit der Vorbemerkung: „Damit Niemand dem Grafen (Friedrich von Isenberg-Altena) oder seinen Erbnachfolgern Unrecht tun könne, hat er dieses aufschreiben lassen“. Damit ist klar, daß ihm dieses Dokument als Hilfsmittel bei seinem Streit mit Engelbert, dem Kurfürsten und Erzbischof von Köln, dienen sollte, bei dem es vor allem um die Vogteirechte über den umfangreichen Grundbesitz des Stifts Essen ging.  Bekanntlich trafen sich zu Allerheiligen 1225 Engelbert und Friedrich in Soest zu einem fehlgeschlagenen Schlichtungsversuch. Auf der Rückreise nach Köln wurde Engelbert – der spätere Heilige – durch Friedrichs Mannen bei Gevelsberg erschlagen. Am Tage vorher hatte Engelbert im Kloster Oelinghausen, wo seine Schwester als Nonne lebte, Station gemacht. Ob er wohl den Weg von Soest nach Oelinghausen über Werl – Wickede – Wimbern genommen hatte?
  • 1250-1300, Volmersteiner Lehnbuch I: Die Herren von Volmerstein belehnen Dethmar vor Altena mit zwei Häusern in „Grafweghe“ in der Pfarrei Menden (3).
  • 1272, 21. Nov., Urkunde: Graf Engelbert von der Mark tauscht aus mit dem Grafen Gottfried von Arnsberg die Guda, Frau des Thomas von Schwitten, mit ihren Kindern gegen Kunigunde, Frau des Gottfried von Brockhausen (bei Unna?) mit deren Kindern. Beide Frauen sind im Rang von Ministerialen! Die Urkunde ist ausgestellt „bei der Brücke Wickede“. Also war damals schon eine Grabenbrücke vorhanden (16).
  • Um 1278, Urkundenkonzept: Dem Knappen Dietrich von Grafwech waren Güter zu „Grafwech“ übergeben worden. Darüber streiten der Graf von Limburg und der Herr von Volmerstein (3).
  • 1281-1313, Güterverzeichnis des Grafen Ludwig von Arnsberg: Conrad von Rüdenberg und sein Bruder Gottfried besitzen das „officium“ (Amt, Vogtei) in Wimbern (7). Die Edelherren von Rüdenberg saßen auf der alten Burg bei Arnsberg.
  • Um 1313, Volmersteiner Lehnbuch II: Ritter Dethmar von Altena ist belehnt mit zwei Gütern, genannt Grafweghe, in der Pfarrei Menden (3).
  • 1332-1400, Heberegister des Stifts Essen: Hier sind die zum Oberhof Brockhausen bei Unna gehörigen „Mendener“ Höfe aufgeführt (in den Vogteirollen Höfe „bei Barge“ genannt). Damals saß auf der heutigen Hofstätte Goeke in Wimbern ein Bauer namens Temeke. Er hatte an die Grundherrschaft zu zahlen: 18 Denar auf Lamberti (17. Dez.) und 8 Denar auf Crucis (Kreuzauffindung, 3. Mai). Zu der Mendener Höfegruppe gehörten auch die Höfe in Barge: Hoppe, Middelste und Sauer (heute Schriek). Hoppe war der Schultenhof der Gruppe. Ferner gehörten dazu Höfe in Echthausen, Höllinghofen und Oesbern (5).
  •  1351-1432, Volmersteiner Lehnbuch III:
    • Ritter Dethmar von Altena ist belehnt mit zwei Gütern in Grafweghe in der Pfarrei Menden.
    • Ritter Hermann von Altena und sein Sohn Johann sind belehnt mit zwei Gütern nahe Grafwegh, als da sind: ein guter Hof genannt Hukeshol und zwei oder drei Hufen, die dazu gehören, gelegen in der Pfarrei Menden. Mit Hukeshol ist wahrscheinlich das Gebiet am Schwarzen Weg gemeint, wo die Huxmühle gestanden hat. In einem Mendener Hexenprotokoll des Jahres 1628 wird dieser Ort „Huxholl“ genannt (3).
  • 1354, 4. Juli, Lubert von Ulflen (Uffeln zu Werl) genannt Vlecke gibt Godecken, den Vogt zu Wimbern, frei und in den Essener Oberhof Eving bei Dortmund. Das bedeutet, daß Godecken als Höriger seinen Grund-herren gewechselt hat. Er dürfte sehr wahrscheinlich den späteren Hof Schlünder in Wimbern übernommen haben (Einheirat?), der zum Oberhof Eving gehörte (6).
  • 1368 (1348), Bestand der Grafschaft Arnsberg:
    • Wilhelm Keye ist belehnt mit der Burg zu Neheim mit Freigut in Wimbern.
    • Ein Hof in Wimbern ist abgabepflichtig (1 Malter Korn und 5 Talente Wachs) an den Grafen von Arnsberg (7).
  • 1375, 10. Nov., Urkunde: Wilhelm von Fürstenberg verkauft seinem Bruder Wennemar die Hälfte eines Kottens, den Helmig der Korte (= der Kurze, Burgmann zu Werl) besessen hatte und der gelegen ist „to dem Grayfweghe“ (9).
  • 1390, 1. Mai, Urkunde: In einem Verpfändungsbrief über das Kolsemannsgut zu Bachum tritt ein Hermann, Vogt zu Wimbern, als Zeuge auf (8).
  • 1392, 2. Febr., Urkunde: Sander Prins versetzt seinen Hof „to dem Grafweghe“ an Herrn Freseken (9).
  • Um 1420: Höllinghofen, Voßwinkel und Wimbern werden von den Reitern des Herzogs von Kleve und Grafen von der Mark niedergebrannt (11).
  • Um 1462, Urkundenabschrift: Die Pröpstin des Stifts Essen behandigt (Verpachtung) Hynrich v. Laer und Webel Slumers, Tochter von Hannes Slumers, mit dem Schlünderhof zu Wimbern (1).
  • 1474, 13. Mai, Urkunde: Wilhelm Keyge verkauft dem Kloster Scheda u.a. einen Kotten in Wimbern, worauf z.Zt. Kalthof wohnt. An der Urkunde hängt eine weitere Urkunde vom 12. Nov. 1475, mit der das Kloster Scheda u.a. den Kotten in Wimbern an den Mendener Bürgermeister Godeke Frydage weiterverkauft (8).
  • 1474, 4. Sonntag nach Ostern, Kalandsbuch: Johann Schlünder vom Graben und seine Ehefrau werden in die Mendener Kalandsbruderschaft aufgenommen. Das war eine kirchliche Bruderschaft. Mitglieder waren Geistliche, Adelige, angesehene Bürger der Stadt Menden und begüterte Bauern. Die Zahl der Mitglieder war auf 30 begrenzt. Zweimal (später einmal) im Jahr wurde ein Festmahl gehalten, das jeweils einige Mitglieder auf ihre Kosten auszurichten hatten. Der Mendener Kaland wurde vor 1400 gegründet und hat bis 1777 bestanden. Über das Bruderschaftsleben ist von 1453 bis 1777 ein Buch geführt worden, das sich heute im Kreisarchiv Altena befindet. 1475 war Johann Schlünder vom Graben Gastgeber des Kalands; 1508 wurde sein Sohn, Johann Schlünder, Mitglied des Kalands (1).
  • 1474, 23. Dez., Urkunde: Adolf Fürstenberg zu Höllinghofen verkauft das Gut „tom Grafweghe“ an Johann Slundere (Schlünder). Johann Schlünder stammte wahrscheinlich vom Schlünderhof in Wimbern (1;3)
  • 1494, 4. Juli, Urkundenabschrift: Die Pröpstin des Stifts Essen behandigt Hermann Schlünder mit dem Schlünderhof zu Wimbern. Im Jahr 1509 werden Hermann Schlünder und seine Ehefrau Grete geborene Schmale in den Kaland zu Menden aufgenommen (1).
  • 1516, 24. Juni, Urkunde: Hermann Kalthof gibt sich dem Kloster Oelinghausen zu eigen (8).
  • 1530, 30. Juni, Urkunde: Anton von Laer zu Geney und Petronella, seine Frau, verkaufen ihr Erbgut zu Wimbern an Johann von Fürstenberg zu Höllinghofen und dessen Frau Else (9).
  • 1539, 5. Juli, Urkunde: Friedrich von Schafhausen und seine Frau Anna verkaufen ihren Hof zu Wimbern, Freihof genannt, an Johann Fürstenberg und dessen Frau Else (9).

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß die Schreibweise von Namen früher nicht festgelegt war. Sie variierte und wandelte sich.

Alte Steuerlisten

Die erste vollständige Übersicht über die Besiedlung von Wimbern ergibt sich aus den Steuerlisten der Jahre 1536 und 1565. Wie die späteren Steuerlisten beweisen, hat sich die Anzahl der Höfe über Jahrhunderte hinweg kaum verändert. Das hängt vor allem mit dem System von Grundherrschaft und Hörigkeit zusammen. Die Grundherrschaft duldete keine Teilung der Höfe.

Tabelle 1
Tabelle 1

Tabelle 1 (links) zeigt die Auswertung und Auflistung der alten Steuerlisten (1). Dabei sind anhand aller verfügbaren Unterlagen und nach bestem Wissen für die einzelnen Höfe durchlaufende Reihen erarbeitet worden. Aus der Höhe der Steuerbeträge kann auf die Größe der Höfe geschlossen werden. Aus den Viehsteuerlisten ergibt sich der jeweilige Viehbestand. Interessant ist die „Schornsteinsteuer“ von 1664. Hier wurde eine Steuer nach Maßgabe der Feuerstellen erhoben. Man ersieht aus der Steuerliste, daß die meisten Höfe damals nur ein „Feuer“ (offene Herdstelle auf der Deele) und einen Backofen besaßen. Der Beringhof und die Höfe Langscheid und Schlünder am Graben besaßen jeder einen Kessel zum Bierbrauen. Niemand in Wimbern besaß einen Stubenofen, das heißt, es gab außer der offenen Herdstelle keine beheizbaren Räume. In der Nachbarschaft besaßen nur der Schulte in Werringsen und der Wirt Ludwig in Niederoesbern je einen Stubenofen.

Die Schornsteinsteuerliste von 1664 gibt auch Hinweise auf die Wohnverhältnisse der nichtbäuerlichen Bevölkerung. Erstmalig sind „Einwohner“ aufgeführt. Einwohner (später auch Beilieger genannt) sind Familien, die auf dem Grund eines Bauern in einem separaten (kleinen) Haus wohnten und wohl in einer gewissen Abhängigkeit von diesem Bauern waren. Vielfach waren es Handwerker.

So war 1664 mit dem Hof Langscheid verbunden ein Einwohner Schüpstoel mit eigenem „Feuer“. Auch in Bellingsen gab es damals solche Einwohner: Albert beim Hof Winold (später Humpert) und Peter Schüpstoel beim Hof Johan (später Joachim).

Auf dem Hof Schlünder zu Wimbern hatte 1664 der Schwiegervater des Bauern ein eigenes „Feuer“ zu versteuern. Er hatte den Hof abgegeben und bewohnte ein separates Altenteil-Haus. Früher sagte man: er genoß die Leibzucht.

Die Steuerliste von 1717 weist aus:

Bei Hellmich: einen Einwohner mit Frau

  • bei Filthoet: eine Beiliegerin, deren Mann zu Wiehagen Baumeister (Großknecht) ist,
  • Gosmann als Wirt,
  • bei Gurris in Bellingsen: eine Frau, deren Mann in Sümmern Baumeister ist.

Aus der Steuerliste von 1759 ergibt sich:

  • Bei Langschede wohnt ein Schusterjunge,
  • bei Gurris in Bellingsen: ein Beilieger Diedrich Schröer mit Frau
  • bei Schüppstaul: Sohn Gerd, Schreiner und Sohn Kaspar, Lehrjunge
  • bei Kleineyer, Kötter und Schneider: ein Lehrjunge Johann Schröder,
  • ohne Zuordnung zu einem Hof sind aufgeführt:
    • Vincenz Helmig, ein Beilieger,
    • Heinrich Quente, ein Beilieger und Linnenweber mit Frau und Sohn Heinrich als Lehrjunge,
    • Hermann Bellinghoff (Bertinghoff, Beringhoff), ein Beilieger und Schneider mit Geselle Johann Jöhle.

Die Steuerliste von 1779 gibt folgende Informationen:

  • Kleineier, ein Zimmermann,
  • Vinzenz Helmig, ein Schuster,
  • bei Gosmann: ein Beilieger,
  • Schüppstuhl, ein Vaßbänder (Faßbinder),
  • Hermann Beringhoff, ein Einwohner und Schneider mit Frau.

Im Jahre 1780 wohnt bei Nadermann ein Beilieger J. Plumper (gemäß Gesindesteuerliste).

In kurkölnischer und in hessischer Zeit hat Bellingsen steuer- und verwaltungsmäßig zu Wimbern gehört. Deshalb ist Bellingsen mit erfaßt worden. Interessant ist, daß von den vier Höfen in Bellingsen zwei zur Pfarrei Menden und zwei zur Pfarrei Voßwinkel gehört haben.

Urkataster

Die Lage der Höfe und Häuser ergibt sich aus den preußischen Urkatasterplänen von 1829 (1). Die Abbildungen 3, 4 und 5 sind Skizzen, die nach den Urkatasterplänen angefertigt wurden.

Tabelle 2
Tabelle 2

In Tabelle 2 (links) sind die im Urkataster von 1829 angegebenen Eigentümer und die Größe ihres damaligen Landbesitzes in preußischen Morgen aufgelistet. Auch die früheren Grundherrschaften sind aufgeführt, soweit dem Verfasser bekannt. Ferner enthält die Tabelle 2 die Eigentümer der Häuser um 1850 und um 1890, wie sie sich aus alten Katasterbüchern im Staatsarchiv Münster ergeben (4). Letztlich enthält die Tabelle noch Hinweise auf die heutigen Verhältnisse.

Am Graben hat es im 17. Jahrhundert bereits eine Mühle gegeben, angetrieben durch das Wasser des Grabenbaches. Ein Urkunde vom 23.5.1662 (19) besagt, daß der damalige Herr von Schloß Höllinghofen (Freiherr Wilhelm von Billeke) sich mit den Grundherren des Hofes Schlünder am Graben (dem Freiherrn von der Recke und dem Propst des Klosters Scheda, Caspar von der Hese) über eine Verlegung einer Mühle unterhalb des Schlünderhofes einigte. Schlünder soll kein Schaden entstehen. Der künftige Müller soll auf „Humperts Kotten wohnen. Die Urkunde nennt „Schlünders Hof zum Grave“ als Ausfertigungsort. Nach den Urkatasterunterlagen ist die Mühle 1829 nicht mehr vorhanden, wohl dagegen die alte Huxmühle oberhalb am Schwarzen Weg auf Echthauser Grund.

Dorfgeschichtliche Ereignisse

Kurkölnische Zeit

Was hat die Menschen in Wimbern in den vergangenen Jahrhunderten bewegt? Der überschaubare Zeitraum beginnt um 1200.

Wimbern gehörte zur Pfarrei St. Vinzenz und zum Amt Menden. Kirchlich hat Menden immer zur Erzdiözese Köln gehört. Der Erzbischof von Köln war auch Kurfürst und als Herzog von Westfalen Landesherr. Als Vertreter des Landesherrn für das kurkölnische Westfalen residierte in Arnsberg ein Marschall oder Landdrost. In Menden gab es einen Amtsdrosten.

Jahrhundertelang änderte sich an der Lebensweise der Menschen und der Technik der Landwirtschaft wenig. Man lebte in niederdeutschen Hallenhäusern aus Eichenfachwerk mit dem Vieh und dem Gesinde unter einem Dach (Knechte schliefen über den Pferden auf der „Hille“, Mägde über der Kammer des Bauernpaares).

Jeder Hof war praktisch eine selbständige Wirtschaftseinheit, die ganz vorwiegend nur für den eigenen Bedarf produzierte. Der größte Teil der Wimberner Flur war Gemeineigentum (Hude), ebenso der Wald.

Das Leben ging seinen gewohnten Gang. Es gab eine festgefügte hierarchische Ordnung. Knechte und Mägde (dazu gehörten auch unverheiratete Kinder der Bauern), Bauer und Bäuerin, Grundherrschaft und Pfarrkirche, alle hatten ihre überkommene Funktion. Unterbrochen war der Alltag durch den Sonntag und das Jahr durch die kirchlichen Feste und Feste der kirchlichen Bruderschaften und möglicherweise der Schützenvereinigungen. Die Menschen waren abhängig von der Natur und den Naturgewalten weitgehend hilflos ausgeliefert: Mißernten, Seuchen, Feuersbrunst.

Brand und Zerstörung um 1420

Im 14. und 15. Jahrhundert herrschte im hiesigen Raum Feme- und Faustrecht. Um 1420 gab es eine Fehde zwischen den Fürstenbergern zu Höllinghofen und dem Herzog von Kleve-Mark. Diese Fehde hat auch Wimbern arg mitgenommen. In einem zeitgenössischen Dokument ist (gekürzt übersetzt) gesagt: Der Herzog von Kleve und Graf von der Mark schickte seine Reiter, die das ganze Dorf Höllinghofen abbrannten. Gleichzeitig brannte das Dorf Voßwinkel mit der Kirche bis auf den Grund ab. Ferner wurden Wimbern und andere (Fürstenberger) Güter verbrannt und zerstört (11).

Kriege und Hexenprozesse

Eine sehr schwere Zeit für die Bewohner von Wimbern war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648).

Nicht genug, daß kriegerische Ereignisse besonders in den Jahren 1632-36 den Bewohnern von Stadt und Amt Menden hart zugesetzt haben. In den Jahren 1628-31 gab es im Amt Menden schreckliche Hexenprozesse. Aus den im Pfarrarchiv St. Vinzenz in Menden noch vorhandenen Hexenprozeßprotokollen sind uns Einzelheiten darüber bekannt (12). Danach sind damals über 80 Frauen und Männer (unschuldig) gefoltert, verurteilt und verbrannt worden.

Abbildung 6: Abbildung 6: Hof Schlünder (ehemals Korte, zuletzt Klaus) in Wimbern; erbaut 1730, abgebrochen 1985.
Abbildung 6: Abbildung 6: Hof Schlünder (ehemals Korte, zuletzt Klaus) in Wimbern; erbaut 1730, abgebrochen 1985.

Welche Angst und Sorge mag die Bewohner von Wimbern in dieser Zeit umgetrieben haben? Konnte doch jeder durch auf der Folter erpreßte Aussagen als Hexe oder Hexer beschuldigt werden. War jemand erst einmal angeklagt, gab es fast keine Rettung mehr. Auch zwei Wimberner sind als Hexer enthauptet und verbrannt worden: Blasius Billi, der Frone (Schiedsmann, Herold) und Franz Hellmich. Nachdem ihnen am 29. Okt. 1628 auf der Folter ein Geständnis abgepreßt worden war, konnten beide aus dem Teufelsturm in Menden (an der Stadtmauer) ausbrechen und über die Haar nach Hilbach (Hilbeck bei Werl) fliehen, wo Billis Tochter beim Schulten Pröpsting wohnte. Sie kamen aber nach einigen Tagen freiwillig zurück, um ihre Familien vor Repressalien zu schützen. Am 2. Dez. 1628 wurden beide hingerichtet. Es läßt sich nachweisen, daß der Name Billi/ Billie die alte Form des heutigen Namens Bilge ist. Um 1850 werden beide Formen noch nebeneinander benutzt. Blasius Billi (Bilge) stammte also vom Wimberner Hof Nr.18, von dem der Name Bilge nach 1829 durch Einheirat auf den Hof Nr.10 übergegangen ist. Franz Hellmich wird vom Hof Nr.14 gekommen sein.

Abbildung 7: Abbildung 7: Hof Goeke in Wimbern; erbaut 1732, abgebrochen 1966.
Abbildung 7: Abbildung 7: Hof Goeke in Wimbern; erbaut 1732, abgebrochen 1966.

In den Jahren 1613 und 1632 wütete in Menden die Pest. Sicher hat dies für Wimbern auch Angst und Schrecken, wenn nicht gar vielfachen Schwarzen Tod bedeutet.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg brauchte es einige Generationen bis die Schäden und Folgen des Krieges überwunden waren. Nach 1700 scheint wieder ein gewisser Wohlstand aufgekommen zu sein. Um 1730 wurden in Wimbern und Umgebung viele Bauernhäuser erneuert. Die Abbildungen 6 und 7 zeigen solche typischen Fachwerkhäuser.

Allerdings dauerte die ruhige Zeit nicht allzulange. Der Siebenjährige Krieg (1756-63) brachte wieder Schrecken, Abgaben und Einquartierungen für unsere Gegend.

Hessische Zeit

Wohl die entscheidenste Veränderung, die auch die Bewohner Wimberns unmittelbar berührte, gab es in der Zeit um 1800 infolge der durch Napoleon verursachten Kriege und Umwälzungen. 1802 wurden auf Druck von Napoleon deutsche Fürsten für ihre an Frankreich abzutretenden linksrheinischen Gebiete durch säkularisierte kirchliche Besitztümer entschädigt. So kam damals das kurkölnische Herzogtum Westfalen (mit Wimbern) an Hessen-Darmstadt. Das war das Ende der Jahrhunderte „unter dem Krummstab“. Die kirchlichen und klösterlichen Grundherrschaften gingen auf den Staat über, die Hörigkeit der Bauern wurde aufgehoben. Das bedeutete eine radikale Umstellung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse,vergleichbar vielleicht mit der Umstellung der Verhältnisse in der DDR im Jahre 1990.

Die hessische Herrschaft dauerte nur die kurze Zeit von 1802 bis 1816. Für die Verwaltung setzten die Hessen Schultheißen ein (13).

Für die Bauernschaften Wimbern und Oesbern war Friedrich Bering vom Beringhof als Schultheiß eingesetzt. Zu seinem Amtsbezirk gehörten (13):

  • das Dorf Wimbern
  • 4 Höfe zu Bellingsen
  • 4 Höfe am Graben
  • der Beringhof
  • das Dorf Niederoesbern
  • das Dorf Oberoesbern
  • das Dorf Werringsen
  • 3 Höfe zu Barge
  • der Kötter am Homberge

Preußische Zeit

Nach dem Sieg über Napoleon und aufgrund der Beschlüsse des Wiener Kongresses fiel das ehemalige Herzogtum Westfalen 1816 an Preußen. Jetzt wurden mit preußischer Gründlichkeit die Reformen erweitert und Straßen, Schulen und Postwesen ausgebaut.

Wimbern wurde bald ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Es lag an der alten Salzstraße von Werl über Wickede und Menden ins Sauerland und an dem Abzweig nach Arnsberg. Die Brücke über die Ruhr am Graben ist schon 1272 bezeugt (16).

Severin Christoph Schlünder am Graben soll schon Anfang des 19. Jahrhunderts für die von den Hessen eingerichtete reitende Post eine Poststation am Graben unterhalten haben. 1816 schloß er einen Vertrag über die „Posthalterey“ mit Pferd und Wagen mit der Post im Herzogtum Westfalen. 1818 wurde ein zweiter Postvertrag mit der Oberpostdirektion Arnsberg abgeschlossen und vom Königlich-Preußischen Generalpostamt bestätigt. Mit diesem Vertrag übernahm Schlünder zweimal wöchentlich die Postfahrt zwischen Wimbern und Arnsberg und zurück mit eigenen Postwagen, die mit vier Pferden bespannt waren.

Durch die Reitpost war man an das europäische Postnetz von Thurn und Taxis angeschlossen.

Sein Sohn Christoph Schlünder baute 1821/22 das Posthaus „Am Schlünder“ mit Pferdeställen und Wagenremise. Dieses Haus war fortan der Wohnsitz der Schlünder vom Graben. Die damals entstandene Flurbezeichnung „Am Schlünder“ ist bis heute erhalten.

Das alte Bauernhaus am Graben brannte 1836 infolge Blitzschlages ab. An seiner Stelle wurde ein neues Wohnhaus errichtet, das heute noch vorhanden und im Besitz der Familie Schlünder ist (14).

Der Postkutschendienst, der zwischenzeitlich erheblich erweitert worden war, wurde nach dem Bau der Ruhrtalbahn im Jahre 1870 eingestellt.

Während es noch zu Zeiten des Postverkehrs „Wickede bei Wimbern“ hieß, wandelten sich nun die Begriffe. Denn die Eisenbahn und die Verlegung der Post ließen die Bezeichnung „Wimbern bei Wickede“ aufkommen. Die durch den Schienenstrang wachsende Wirtschaft brachte es mit sich, daß Wickede zum Industrieort wurde, während Wimbern klein blieb.

Dem Posthaus gegenüber wurde um 1825 von Christian Bering vom Beringhof ein Haus für den Einnehmer des „Chausseegeldes“ erbaut, das heute noch vorhanden ist (Landmaschinen Schröder). In der von Josef Bering 1894 fertiggestellten Beringhof-Chronik heißt es dazu:


„Mein Vater (Christian Bering) wurde von der Regierung ersucht, dem Posthause gegenüber ein Haus für den Barrier-Empfänger zu bauen. Nach etwa 10 Jahren aber schon wurde die Barriere von da weg auf den Schwitter Knapp und nach Wickede verlegt, angeblich, weil der Platz für die Post durch die Barrieren zu sehr eingeschränkt werde… Heute ist Kaspar Schüppstuhl Besitzer des Hauses.“ (Barriere = Schlagbaum).

Die von der preußischen Verwaltung eingeleitete Aufteilung der Gemeinschaftsfluren, Ablösung der Huderechte und der zahlreichen an den Grund gebundenen Abgaben an Grundherren, Kirche, Schule etc. zog sich hin bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erst dann waren die Höfe wirklich frei. Allerdings kamen für manche auch finanzielle und existentielle Probleme auf.

Protokollbuch 1847 bis 1890

In der Zeit von 1847 bis 1890 wurde von der Gemeinde Wimbern ein Protokollbuch geführt, das heute im Gemeindearchiv Wickede (Ruhr) aufbewahrt wird. Darin sind viele für die Ortsgeschichte interessante Begebenheiten festgehalten. Zum Beispiel:

1847 war Christian Bering vom Beringhof Gemeindevorsteher. Ihm folgte von 1849 bis 1887 der Landwirt Franz Filthaut. 1887 war Bernhard Goeke genannt Helmig der Gemeindevorsteher.

Zum Vertreter der Gemeinde Wimbern im Amt Menden (Amtsverordneter) wurde 1849 Ferdinand Langes für 6 Jahre gewählt. Ihm folgte der Schreinermeister Franz Kaspar Schotenröhr. Ab 1857 bis nach 1890 war Josef Bering vom Beringhof Amtsverordneter der Gemeinde Wimbern.

Von Dez. 1850 bis Febr. 1851 war die Zwölfpfünder-Batterie 21 vom 7. Artillerie-Regiment in Wimbern einquartiert (Manöver?). Mit Gemeindeprotokoll vom 8. Mai 1851 wurde die Entschädigung an die einzelnen Gemeindemitglieder für Unterbringung und Sachleistungen geregelt.

Sehr vaterländisch war man anscheinend nicht, aber sparsam: Gemäß Protokoll vom 29. Aug. 1874 lehnte der Gemeinderat eine vom Amtmann Theodor von Dücker vorgeschlagene „festliche Sedanfeier der Schulkinder zu Werringsen“ einstimmig ab. – Weil am Hause des Gutsbesitzers Schlünder (Poststation) ein Postbriefkasten vorhanden ist, wird es (am 13. Okt. 1875) nicht für nötig erachtet, noch einen Briefkasten anzuschaffen.

Im Jahre 1876 wurde eine Baugenehmigung durch folgende Eintragung ins Protokollbuch erteilt:

„Dem Heinrich Schüppstuhl von hier ist vom hiesigen Gemeinde-Rath die Erlaubniß zum neuen Wohnhauß heute ertheilt worden auf seinem Grundstück Flur 2, No. 189/68 der Steuergemeinde Wimbern.
v(orgelesen) g(enehmigt) u(nterschrieben)
gez. Schlünder Bering Großkettler Schotenröhr“

So einfach war das damals! Es handelt sich hier übrigens um das heute noch vorhandene Haus Kuhlenweg 2 (heute Gutland).

Bautätigkeiten vor 1890

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Wimbern eine Reihe neuer Wohnhäuser, aber auch gewerbliche Bauten errichtet.

Tabelle 3 (siehe unten) zeigt eine Auflistung der nach 1829 bis um 1890 erbauten Wohnhäuser (4). Bemerkenswert ist, daß sämtliche Eigentümer als Tagelöhner ausgewiesen sind, ausgenommen Franz Filthaut, bei dem die Berufsangabe fehlt. Offenbar handelt es sich größtenteils um Söhne von Alteingesessenen aus Wimbern und der Umgebung.

Im Jahre 1847 baute die Witwe des Posthalters Christoph Schlünder (geb. Becker) eine Kornmahlmühle am Grabenbach (14; 20). (Heute Rüschenbaum GmbH & Co KG, Schwarzer Weg 25).

1880 erbaute Christian Schlünder (Posthalter) die „Dampf-Zentrifugen-Meierei Wimbern“ (heute Ernst Feling GmbH & Co., Werler Straße 1).

abb07aIn der Ruhraue errichtete die Stadtgemeinde Hamm in den Jahren 1888/90 ein Wasserwerk mit Wohnhaus, Maschinenehaus, Kesselhaus und Kohlenschuppen (heute Voß & Eiffert GmbH, Am Graben 2 und Bongard OHG, Am Graben 3).

 

Quellenverzeichnis

Soweit in nachstehend angeführten Veröffentlichungen genaue Quellenangaben enthalten sind, sind diese Quellen hier nicht aufgeführt.

  1. Goeke, Eberhard: Die Höfe Schlünder und Goeke in Wimbern, in: Information für Heimatfreunde, Heft 12, Okt. 1988 (Heimatverein Wickede-Ruhr)
  2. Derks, Paul und Goeke, Eberhard: Die Siedlungsnamen der Gemeinde Wickede (Ruhr), in: Information für Heimatfreunde, Heft 11, April 1988 (Heimatverein Wickede-Ruhr)
  3. Goeke, Eberhard: Zur Geschichte der Siedlung „Am Graben“ und der Herren vom Grafwege, in: Information für Heimatfreunde, Heft 13, Dez. 1988 (Heimatverein Wickede-Ruhr)
  4. Staatsarchiv Münster, Katasterbücher Arnsberg, Nr. 2459
  5. Goeke, Eberhard: Höfe des Stifts Essen im Mendener Raum, in: Mitteilungen der Werler Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung, Heft 11, 1986 mit Nachtrag in Heft 3, 1988
  6. Kindlinger, Nicolaus: Geschichte der deutschen Hörigkeit, Berlin 1890, Urkunde 101
  7. Seibertz, Johann Suibert: Urkundenbuch zur Landes- und Rechtsgeschichte des Herzogtums Westfalen, Arnsberg 1839, 1843, 1854
  8. Staatsarchiv Münster, Kloster Oelinghausen, Urkunden
  9. Archiv Boeselager Höllinghofen, Urkunden
  10. Staatsarchiv Münster, Katasterbücher Arnsberg, Nr. 5403
  11. von Klocke, Friedrich: Die Geschichte des Geschlechtes von Fürstenberg bis um 1400, Münster 1939, Seite 156 ff
  12. Kranz, Gisbert: Mendener Recht und Gericht, Menden 1929
  13. Staatsarchiv Münster, Großherzogtum Hessen, II B Nr. 8
  14. Chronik der Familie Schlünder vom Graben
  15. Aleweld, Norbert: Die St.-Michaels-Kapelle zu Werringsen, in Zeitschrift „Der Märker“, Heft 2, 1983
  16. Westf. Urkundenbuch, Bd. 7, Münster 1908, Urk. Nr. 1450
  17. Staatsarchiv Münster, Großherzogtum Hessen, I B Nr. 151
  18. Pfarrarchiv St. Vinzenz, Menden
  19. Staatsarchiv Münster, Kloster Scheda, Urkunden
  20. Stadtarchiv Menden, Amt Menden Akte 429